Erfahrungen einer 77-jährigen Taiji-Schülerin
Taiji-Schülerinnen und Schülern über 70 Jahre erzählen im Gespräch mit Regula Stehli-Schär, wie sich Taijiquan in ihrem Alltag und ihrem Leben manifestiert. Wir publizieren hier einen Ausschnitt aus dem Interview mit Irma Bräm.
Regula
Irma, wann hast du mit Taiji begonnen?
Irma
Vor ungefähr 20 Jahren. Ich habe mich damals mit dem Telefon verwählt. Eigentlich suchte ich eine Yoga-Lehrerin und habe dann Regula erwischt. Sie hat gefunden, ich soll doch einmal ins Taiji kommen. Das habe ich dann gemacht und bin bei ihr hängen geblieben. Obschon mein Weg zum Trainingslokal eine Stunde dauert, bin ich jeden Freitagmorgen nach Olten gefahren. Ich fühlte mich bei Regula gut aufgehoben. Das Taiji ist nicht zu ruhig aber auch nicht zu wild.
Regula
Was hat dich motiviert mit Taiji, eine für uns «Westler» ungewohnte Art von Bewegung, zu beginnen?
Irma
Vom Alter her. Ich habe gefunden, vor dem Ausstieg aus dem Berufsleben mit etwas Anderem zu beginnen, damit ich weiter beschäftigt bin. Ich wollte etwas für mich, das mit Bewegung im Zusammenhang steht. Und in einem Kurs in Baden hatte ich in einer Schnupperstunde die Gelegenheit, einen kurzen Einblick ins Taiji zu bekommen.
Regula
Du hast mir erzählt, dass dir Taijiquan in verschiedenen schwierigen Lebenssituationen schon helfen konnte. Kannst du mir diesbezüglich Näheres erzählen?
Irma
Kurz nachdem ich mit Taiji begonnen habe, habe ich mir bei einem Sturz in einen Lüftungsschacht mein Fersenbein zerschmettert. Und so musste ich eine Pause einlegen. In einem Telefongespräch hat mich Regula überzeugt, einen weiteren Versuch mit Taiji zu wagen. Und ich meine, ich wäre heute nicht so gut zu Fuss, wenn ich nicht weiter Taiji gemacht hätte.
Mit 18 Jahren habe ich mein Steissbein gebrochen. Dabei habe ich gemerkt, dass es im konventionellen Turnen zu viele Übungen gibt, die ich eben wegen meines Rückens nicht machen konnte. Mit Taiji war das aber kein Problem. Taiji hat meinem Rücken nur gut getan. Auch wurde mein Rücken wegen meiner ca. 2005 diagnostizierten Osteoporose nicht schlimmer. Durchs Taiji sogar eher besser. Den aktuellen Stand meiner Knochendichte kenne ich nicht. Mein Arzt macht nur Messungen bei meinem Einverständnis für eine allfällig notwendige Therapie. Eine solche möchte ich aber nicht, ich will keine Medikamente einnehmen.
Vor zwei Jahren ist mein Mann verstorben. Taiji hat mir in dieser schwierigen Zeit sehr geholfen, und mir geht es heute psychisch gut. Obschon, ich vermisse meinen Mann vor allem an den Abenden noch sehr.
Regula
Gibt es in all den Jahren Veränderungen, die du direkt auf das Taiji zurückführen kannst?
Irma
Da ist sicher meine Körperhaltung. Ich gehe heute aufrechter. Ich suche keine Fünfliber mehr, wenn ich durch die Strasse gehe: Vorher hatte ich den Kopf näher zum Boden.
Ich habe mehr Selbstvertrauen gewonnen. Ich habe heute das Gefühl, auch jemand zu sein. Eigentlich fühle ich mich in allen Bereichen selbstsicherer. Heute kann ich in einem Geschäft sagen, wenn ich etwas nicht kaufen will. Früher hatte ich das Gefühl, ich könne ohne Einkauf den Laden nicht verlassen. Gerade im Dorfladen war dieses Gefühl stark.
Ich konnte früher wegen meines tiefen Blutdrucks nie einen Umzug verfolgen. Es wurde mir relativ schnell übel, verlor manchmal sogar das Bewusstsein. Aber heute fällt mir das leicht. Im Taiji-Training übe ich ja das Stehen.
Regula
Was bringt dir das Taiji denn heute? Bist du noch weiter aktiv, körperlich oder auch geistig/mental?
Irma
Taiji tut mir sehr gut. Wenn ich nicht schlafen kann stehe ich auf und laufe die 19er Form bis zu dreimal. Das hilft mir, das Einschlafen ist anschliessend kein Problem mehr.
Für meinen grossen Garten ist Taiji ideal. Beginnt der Rücken zu schmerzen weiss ich, dass ich mich aufrichten und mich in die Mitte zurückführen muss. Ich muss mich zentrieren und dann geht es wieder.
Ich gehe auch ins Seniorenturnen, wo ich Leute aus dem Dorf kennenlerne. Ich muss mich neu orientieren, seit mein Mann verstorben ist. Und damit ich in Bewegung bleibe und auch Kontakt finde zu anderen Leuten, gehe ich monatlich ein- bis zweimal Jassen ins Alterszentrum.
Regula
Wie schätzst du dich im Vergleich mit Gleichaltrigen ein?
Irma
Ich gehöre eher zur vitaleren Gruppe. Oft bin ich auch älter als die anderen Gruppenmitglieder, fühle mich aber unter ihnen wohl, kann gut mithalten und werde vielfach jünger eingeschätzt.
Regula
Und wie geht es dir sonst bezüglich Gesundheit?
Irma
Da geht es mir sehr gut. Ich kann eigentlich überall mitmachen und mithalten. Auch wenn wir Spazieren oder Velofahren gehen.
Regula
Irma, du nimmst mit 77 Jahren noch keine Medikamente?
Irma
Nein, das brauche ich nicht. Mit der Bewegung ist mein Blutdruck gut.
Regula
Das ist wunderbar.
Irma
Ja, mein Arzt war darüber sehr erstaunt, sollen doch die Blutdruckwerte bei Arztkontrollen immer zu hoch sein. Ich habe aber gemeint, nicht die meinigen. Zuerst hat er den Blutdruck der linken Seite und dann den der rechten Seite gemessen mit der Bemerkung, der Unterschied zeige sich sofort. Der Arzt war dann über die Ausgeglichenheit links – rechts total erstaunt und meinte, das habe er noch nie gehabt, die beiden Seiten sind identisch.
Regula
Übst du zu Hause regelmässig Taijiquan?
Irma
Ich habe in meinem Tagesablauf keine bestimmte Zeit für das Training reserviert. Das kommt immer spontan. Mein Körper sagt mir, wann ich Taiji brauche.
Regula
Toll. Das ist ja genau das, was uns Taiji lernen kann: auf uns hören und im Moment reagieren.
Und nun die letzte Frage: Hast du zur chinesischen Kultur noch andere Bezüge ausser über das Taijiquan?
Irma
Das Essen schmeckt sehr fein und China ist ein sehr interessantes Land.
Regula
Ich danke dir herzlich, dass du dir Zeit für dieses Gespräch genommen hast.
Olten, 1. Juni 2018, Regula Stehli-Schär
