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Taijiquan für Kinder, eine Herausforderung

30. September 2016

Im Jahr 1998 kreierte Grossmeister Chen Xiaowang eine Taijiquan-Kinderform für Jonas, Regula und Daniel Stehli-Schär’s Sohn. Seitdem vermittelt Regula Taijiquan an Kinder und Jugendliche und hat schon einiges an Erfahrungen sammeln können. Während drei bis vier Jahren gab sie einer Gruppe von 10 Kindern Taijiquan-Unterricht. Ihr Sohn war da mit dabei. Und später dann begann sie wiederum mit einer neuen Gruppe.

Vor ca 5 Jahren wurde der Verein «sansong kids» gegründet. Regula hat dort die Rolle der Präsidentin. Nebst dem Taiji-Unterricht hat der Verein weitere Schwerpunkte: Einblick in die Kultur China’s, Sommerwanderungen mit Picnic dienen dem gemeinschaftlichen Beisammensein, Verkauf von Kuchen für einen finanziellen Zustupf, Elternvorstellungen, Vorführung während der Einweihung der Taiji-Schule Sansong in Olten. Die Zusammenarbeit mit den Eltern ist ein weiterer und wichtiger Schwerpunkt.

Am Samstag, 3. September 2016 habe ich das Vergnügen bei einer Lektion der «sansong kids» dabei zu sein. Es ist ein sonniger Tag. Deswegen lässt Regula die Kinder in den Stadtpark in der Nähe der Taiji-Schule Sansong kommen. Es ist schon fast 10 Uhr und die Kinder versammeln sich nach und nach beim Treffpunkt. Vier Mädchen und vier Knaben, zwischen 9 und 12 Jahren, haben sich an diesem Tag für’s Taiji auf einem Pétangue-Platz eingefunden. In diesem Wochenkurs sind einige Kinder seit 6 Monaten dabei, andere schon während einigen Jahren.

Nach einigen Minuten Aufwärmübungen wird gleich ein Standing angefügt. Es wird von Regula’s ruhiger Stimme angeleitet und dies ermöglicht sichtlich den Kindern, sich in die Standing-Stellung zu versetzen. Regula begibt sich sogleich von einem zum andern Kind und unterstützt es mit feinen Korrekturen, wie ein Heben eines Kinns, Aufrichten eines Rückens oder einer feinen Berührung. Die Ruhe kehrt in und um die Kinder ein. Die Spaziergänger im Park verlangsamen ihren Schritt und beobachten diskret die ruhig stehenden und zufriedenen Kinder. Das Standing dauert nur einige Minuten. Regula ist es wichtig, dass das Trainieren in erster Linie Freude machen soll. Aus diesem Grund versucht sie, so gut wie möglich, jeglichen Stress oder Widerstand zu vermeiden. Und doch ist die Konzentration und die Ernsthaftigkeit spürbar. Auch dies ist Regula ein Anliegen.

Die Lektion geht weiter mit verschiedenen Uebungsteilen: zuerst Dehnungen (die Affenhocke – Spreizhocke), Qigong-Übungen, die Taiji-Kinderform, spielerisch und lebendig. Danach wird die Laojia Paochui von Regula und einer langjährigen Schülerin vorgezeigt. Und es geht weiter mit der Säbelform. Während des ganzen Uebens nähert sich Regula jedem einzelnen Kind mit Feingefühl und korrigiert sanft. Unterdessen ist schon fast eine Stunde vergangen. Die Kinder begeben sich auf eine Linie, um die Lektion mit dem Taiji-Gruss abzuschliessen. Danach verabschiedet Regula sich von jedem Schüler einzeln mit einem Händedruck, bevor die Kids sich in alle Richtungen zerstreuen.

Auf einer Terrasse eines Restaurants, vor einem Pfefferminztee (mit Zitrone und mit ein wenig Zucker!), erzählt mir Regula, dass sie mit Unterstützung von GM Chen Xiaowang ein Zertifikats-System für die Junioren einführen konnte. Die Kinder machen eine Prüfung im Beisein des GM oder von Chen Yingjun. Es geht darum, dass sie in erster Linie die Kinderform vorzeigen können. Erst danach können sie sich an die Prüfung der Säbelform anmelden. Diese, wie auch die Laojia Paochui, das Standing und Reeling Silk, werden im Training vom Donnerstag-Abend geübt. Nach der Paochui-Zertifizierung schenkt Regula jedem Kind ein Taiji-Kleid.

Der fundierte Aufbau der Taiji-Kurse für Kinder bezweckt ein Aufsteigen in die Erwachsenen-Kurse. Doch die Pubertät, der Lehrbeginn oder das Studium verhindern sehr oft das nahtlose Weitermachen. Und dennoch kann Regula einige der Jugendlichen manchmal Jahre später in ihren Kursen wiedersehen.

Als Pädagogin stellt sich Regula mehrere zusätzliche Fragen: Hat der Wettkampfgedanke im Taijiquan für Kids seinen Platz? Laut GM Chen Xiaowang :  «Der simple Gedanke, gewinnen zu wollen, verhärtet» ; im Buch «Kinder in Balance» wird dies anders vertreten : «der Wettkampfgedanke stärkt die Kinder, auch wenn sie verlieren».

Eine weitere Frage : «Wie können die Jugendlichen motiviert werden, ihre Taijiquan-Praxis weiterzuführen?» bleibt zentral, wie auch die Frage, der Art und Weise des Einführens ins Tuishou.

Taijiquan für Kids ist und bleibt eine Herausforderung und Regula hat sich dieser mit Freude und Engagement gestellt. Sie hat eine Lernatmosphäre geschaffen, wo Vertrauen, Zusammengehörigkeit, gegenseitiger Respekt und Ruhe das Fundament bilden. Mit grosser Begeisterung war ich an diesem Uebungsmorgen mit dabei.

 

Es wäre eine Illusion zu glauben, dass die Taijiquan übenden Kinder in Olten mit chinesischen Kindern zu vergleichen wären. Ein Kind aus China, welches ins Taijiquan eingeführt wird, lernt dies mit seinem kulturellen Hintergrund, wo das Gruppengefüge und die Gemeinschaft im Vordergrund stehen. In der Schweiz steht das Individuum im Vordergrund. Doch geht es mir hier nun nicht darum, die einzelnen Kulturen gegeneinander auszuspielen, sondern nur um eine Feststellung. Für unsere Kinder ist es sicherlich schwieriger, sich in ein diszipliniertes und ganz synchronisiertes Bewegen von Abläufen einzubinden als dies für die kleinen Chinesen der Fall ist.

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