Von Daniel Stehli

Das zu besprechende Buch von Granet ist eines der bedeutendsten, das je über China und die chinesische Kultur geschrieben wurde. Marchel Granet ist ausserdem kein Sinologe, sondern ein Soziologe und Sinologe, der aus der Schule von Emile Durckheim kommt. Sei Mentor in der Sinologie ist der Übersetzer der Shi ji, Edouard Chavannes. Granet geht in der Geschichte noch weiter zurück und beschäftigt sich mit der Zeit in der die Texte der frühen Gedichte entstanden sind. Das Resultat der Forschungen ist dieser Text über das chinesische Denken, den ein zweiter Band über die Chinesische Kultur (La civilisation chinoise) ergänzt.  Das Buch erschien vor ungefähr 100 Jahren und wurde zu einem Meilenstein in der Geschichte der Sinologie. Erstaunlicherweise fehlt bis heute eine vollständige Übersetzung ins Deutsche. Es gibt zwar eine Übersetzung von Manfred Porkert (Das chinesische Denken, bei Suhrkamp auch als Taschenbuch erhältlich); es fehlen aber die wichtige Einleitung und der vierte Teil über die philosophischen Schulen. 

Marcel Granet La pensée chinoiseDas Buch beginnt mit einer Darstellung der Sprache und der Schrift, die die Vielschichtigkeit und im guten Sinne die Fremdartigkeit des Chinesischen darstellt. Dann aber auch die Auswirkungen von Stil und Rhythmus im Chinesischen bis in die Bedeutung von Sprichwörtern in der Alltagssprache. 

Welches Verständnis von Raum und Zeit sich hinter diesem allen verbirgt, das den Weg zu den essentiellen Dingen erst ermöglicht, handelt er als Vorbereitung zur Abhandlung über Yin und Yang ab. Die differenzierte Darstellung von Yin und Yang gehört zum Besten, was über diese elementaren Einheiten des chinesischen Denkens je geschrieben wurde. Daraus entwickelt sich eine weit ausholende Abhandlung der Bedeutung der Zahl in allen Bereichen des chinesischen Denkens. Als wichtigstes Element arbeitet er die qualitative Seite heraus, die weit entfernt ist von unserm westlichen Verständnis einer rein quantitativen Bedeutung der Zahl. Sein Verständnis von Yin und Yang und den Zahlen, den fünf Wandlungsphasen und den weiteren Grundideen, führen zu einem Verständnis des Makrokosmos, des Mikrokosmos und zur Rolle der Etikette, die in unserm Weltbild neu und unerwartet sind, die aber, wenn man das nachgedacht und verstanden hat, viel zur Klärung des Hintergrundes der chinesischen Argumentationsweise auch heute noch beitragen kann. Will man die Art und Weise, wie chinesische Handlungsweisen im politischen wie im privaten Bereich funktionieren, verstehen, ist Granets Buch noch immer eine der besten Leitlinien. Was er über die einzelnen philosophischen Schulen zu sagen hat, ist, trotz neueren Interpretationen und Randbemerkungen, nach wie vor lesenswert. 

Wenn man sich für alle diese Zusammenhänge interessiert, sollte man sich an die Lektüre dieses nicht einfach zu lesenden Textes machen. Den Nutzen, den man aus dieser Arbeit zieht, ist immens.