2019 yingjun

Von Anita Wetzel

1. Chen YingJun hat auf seinem persönlichen Taijiquan-Weg einen gewaltigen Sprung vorwärts gemacht. Das bedeutet für die Schüler, dass die bis anhin schon sehr guten Korrekturen noch besser sind.

2. Die Korrekturen, die Meister Chen YingJun macht, sind für den Schüler nachvollziehbar. Er nimmt den Schüler aus der Position heraus, setzt ihn neu hinein, sodass der Schüler den Weg zur richtigen Endposition nachspüren kann. Ausserdem holt er bei den Korrekturen den Schüler auf seinem aktuellen Niveau ab. Chen YingJun betont, dass die Korrektur nicht die perfekte Position oder Technik abbildet, sondern vielmehr auf das abgestimmt ist, was für den Schüler möglich ist. Genau, was den Übenden weiterbringt, meine ich.

3. Chen YingJun, der seit diesem Jahr zum ersten Mal von sich sagt, dass er nun ein Meister ist, ist ein sehr umgänglicher, lustiger Zeitgenosse, der Interesse an den Schülern hat. Dies zeigt sich darin, dass er die ‘Probleme’ des Schülers bis zu einem zweiten oder dritten Trainingsbesuch häufig bereits überdacht hat und die Korrekturen entsprechend anpasst.

4. Dank dessen, dass Chen YingJun fliessend Englisch spricht, ist eine Kommunikation mit ihm deutlich einfacher als mit anderen Meistern.

5. Chen YingJun bietet mit der Laojia Erlu und dem Speer Training als einziger Meister in der Schweiz ein Training in diesen Fortgeschrittenen-Disziplinen an.

Und wer nun noch ein paar persönliche ausführlichere Worte zum Schweizer Workshop vom 14.09.-23.09.2019 lesen möchte, der kann sich in der Folge ein Bild machen.

Mein erster Eindruck, als ich in Münchenbuchsee die Turnhalle betrat und Chen YingJun sah, war: ‘Wow! YingJun hat sich verändert. Stark, kompakt, irgendwie gesetzter.’
Dieser Eindruck sollte sich bald bestätigen. Jeder, der schon häufiger mit Chen YingJun trainiert hat, konnte erkennen, welchen gewaltigen Schritt er in seinem eigenen Prozess vorwärtsgegangen ist und welchen Schritt er derzeit im Begriff ist zu gehen. Seine Ausstrahlung, seine Präsenz – ganz anders als noch im vergangenen Jahr.
Das Training war aufgebaut wie immer: kurzes Aufwärmen, langes oder kurzes Standing, ganz nach Wunsch der Schüler, dann Form, Tui Shou oder Reeling Silk gemäss Programm. Korrekturen im Standing gab es ab 40-minütigem Stehen. Nach der ersten Korrektur war für diejenigen, die mehrere Trainings besuchten, klar, dass sie, sofern sie die Wahl zwischen kurzem oder langem Standing hatten, immer das lange wählten, damit sie in den Genuss einer Korrektur kamen. Chen YingJuns Training lebt von diesen individuellen Korrekturen. Natürlich bleibt jedem selbst überlassen, ob er sich in einer Position oder einem Bewegungsablauf verbessern lassen will oder eben nicht. Aber auch hier zeigte sich, dass Chen YingJun sehr wohl darauf achtet, dass jeder mal drankommt. Häufig ist es ja so, dass sich besonders Anfänger nicht getrauen vorzutreten, um vor den anderen zuschauenden Schülern eine Technik oder eine Position korrigieren zu lassen. Ihnen sei hier gesagt, dass jeder irgendwann einmal angefangen hat und bestenfalls auf seinem Weg etwas weiter vorgedrungen ist. Übende sind wir alle.
Klar, die einen finden es interessant, wie Chen YingJun korrigiert. Sie schauen sich für Ihre Arbeit als Lehrer oder für sich selbst einiges ab. Andere hingegen würden gerne vielleicht ein weiteres Mal eine Form laufen und sind gelangweilt. Das allerdings ist ihnen selber zuzuschreiben, denn man könnte ja auch einige Sequenzen für sich trainieren und dann mit einer Frage oder einem Korrekturwunsch vortreten.
Was auffällt ist auch, dass Chen YingJun bewusster auf allgemeine Fragen zu Yin & Yang, zum Taijiquan als komplette Kampfkunst, zu besonderen Aspekten wie der Gesundheit oder der Wichtigkeit von Fuss- oder Hüftstellung eingeht. Und das sind hier nur einige wenige Beispiele. Besonders in Erinnerung bleibt mir der Satz, dass auch das Kämpfen gut für die Gesundheit sei. Da muss man nicht lange drüber nachdenken, um das zu begreifen.

Was hat mir nicht gefallen? Da muss ich länger überlegen. Habe ich tatsächlich die brennenden Oberschenkel vermisst? Oder das ständige Wiederholen? Nein, eher nicht. Und was habe ich sonst gehört, was sich einige wünschten: Schön wäre, trotz daraus resultierender brennenden Oberschenkel, eine Korrektur während des Übens einer Form oder der Seidenübungen.
Aber sind wir ehrlich, jeder Meister hat seinen Stil zu unterrichten, ob es uns passt oder nicht. Bei jedem kann man für sich etwas mitnehmen. Bei Chen YingJun dank der Korrekturen besonders viel, wie ich meine. Und genau das sollte die Taiji-Übenden in seine Workshops treiben. Obwohl ich aus rein egoistischen Motiven sagen muss: Bitte nicht zu Hunderten, sonst bekomme ich nicht mehr genug seiner Korrekturen, die ich brauche.