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Qi Gong Atemübungen Teil 5

25. April 2024

Qi Gong Atemübungen

Eine praktische Anleitung - Teil 5

von Peter Minder1

Tao, Wuji und Taiji

Der Begriff Tao (oder Dao) steht für das Urprinzip des Universums, die Quelle, welche aus sich selbst heraus die sichtbaren und die unsichtbaren Welten erzeugt. Er bezeichnet ein Prinzip, das allem zugrunde liegt und alles durchdringt. Tao wirkt und ruht jenseits des Bereiches der menschlichen Sprache, der Begriff ist nicht übersetzbar. Es ist der unbeschreibbare und unsichtbare Ursprung aller Dinge; nachdem es sich manifestiert hat, können wir seine Erscheinungsformen in den sich ergänzenden Gegensätzen Yin und Yang wahrnehmen.

Wuji

Wuji (sinngemäss „Grenzenlose Leere“) beschreibt den undifferenzierten Zustand des Universums, der noch keine voneinander unterscheidbaren Objekte enthält, zugleich aber Ursprung aller Objekte ist. Wuji ist der Ur-Grund, der Quell, aus dem alles entstanden ist, und zu dem alles auch wieder zurückkehrt. Wuji ist unsichtbar,ohne Abgrenzung, eigenschaftslos und unfassbar.TaoWuji ist der unmanifestierte, formlose Aspekt des Tao, vor seiner Teilung in Yin und Yang.
Traditionell wird Wuji durch einen leeren Kreis dargestellt, die Leerheit, aus der die Fülle der Schöpfung hervorgeht.

Taiji2

 “Das grosse Ultimative“ - sinngemäss der Kosmos, bzw. das Universum, in dem wir uns befinden. Nachdem sich das Tao manifestiert hat, können wir seine Erscheinungsformen wahrnehmen. Mit seiner Einheit der komplementären Polaritäten Yin und Yang, geht es aus dem Wuji hervor und wurzelt in ihm. Das Taiji drückt aus, dass alle Dinge in der Welt der Erscheinungen in Harmonie stehen. Auch scheinbare Gegensätze (z.B. Licht und Schatten) gehen aus demselben Urgrund hervorgehen und ergänzen sich – in der Vereinigung der Gegensätze entsteht ein harmonisches Ganzes.TaijiTaiji wird üblicherweise durch den bekannten Kreis, unterteilt durch die fischartigen schwarz-weissen Figuren, welche jeweils den Kern ihrer Polarität enthalten, dargestellt. Eine ältere Darstellung zeigt mit dem leeren Kreis Wuji in der Mitte, aus welchem alles hervorgeht, und zu welchem alles zurückkehrt.

von Wuji zu Taiji – von Taiji zu Wuji

Die Begriffe der chinesischen Philosophie lassen sich auf verschiedenen Ebenen anwenden. Sie beschreiben einerseits grosse, tiefgründige Sachverhalte, können aber auch für ganz alltägliche Abläufe verwendet werden (Makrokosmos/Mikrokosmos). Wuji und Taiji beschreiben, wie oben gezeigt, philosophische Begriffe von unfassbarer Grösse, können aber auch auf einer einfachen, praktischen Ebene verwendet werden: wenn wir zum Beispiel im Taijiquan eine Form ausführen, so kehren wir am Ende wieder an denselben Ort zurück, wo wir gestartet sind3.

Diese Tradition findet sich in den meisten fernöstlichen Kampfkünsten
und geht auf den Satz „Von Wuji zu Taiji – von Taiji zu Wuji“ zurück.

Zu Beginn einer Übung stehen wir in der Ausgangsstellung, dem Wuji-Stand (siehe Teil 1).

Das bedeutet, wir entspannen unseren Körper und Geist, wir befinden uns in der Leere, dem Wuji. Sobald wir bereit sind, gehen wir „von Wuji zu Taiji“ über und führen unsere Übungen aus, im Bestreben, mit der Harmonie des Taiji eins zu werden. Am Ende der Übung kehren wir „von Taiji zu Wuji“ zurück, zum Ausgangspunkt unserer Übungseinheit – wiederum entspannt in Körper und Geist.

Auch in unserer fünften Übungseinheit kehren wir in gewisser Weise wieder zurück an den Ursprung: Nach fortschreitender Steigerung der Intensität und nach zwei recht komplexen Teilen kommen wir zur Vollendung des endgültigen Kreislaufs des kleinen Universums, wiederum wesentlich ruhiger, einfacher und sanfter:

5. Stufe: Sanftes Kleines Universum (Gentle Small Universe)

Steh im Wuji Stand, entspann Körper und Geist und schliess die Augen. Leg beide Hände auf Qihai über dem Dantian im Unterbauch.

  1. Praktiziere 5 Atemzüge lang die Bauchatmung (Abdominal Breathing, s. Teil 1),
    5 Atemzüge lang die Überfliessende Atmung (Submerged Breathing, s. Teil 2)
    und anschliessend 5 Atemzüge lang die Lange Atmung (Long Breathing, s. Teil 3).
  2. Jetzt erfolgt wiederum das Umschalten von natürlicher zu umgekehrter Atmung und wir machen 5 Atemzüge Kraftvolles Kleines Universum (Forceful Small Universe, s. Teil 4).
  3. Erneuter Übergang zu natürlicher Atmung; berühr mit der Zungenspitze den oberen Gaumen, atme frische kosmische Energie durch die Nase ein und stell dir vor, wie sie über die Vorderseite des Oberkörpers ins Dantian fliesst. Der Bauch dehnt sich dabei aus.
  4. Mach eine kurze Pause und spür die Energie im Dantian.
  5. Atme durch den leicht geöffneten Mund aus, leg die Zunge wieder nach unten und stell dir vor, wie die Energie vom Qihai im Unterbauch zum Huiyin auf dem Damm zum Changqiang auf der Steissbeinspitze, der Wirbelsäule entlang nach oben über Nacken und Hinterkopf zum Baihui auf dem Scheitel und dann über die Vorderseite des Gesichts zur Oberlippe fliesst. Der Bauch sinkt dabei unter leichtem Druck der Hände ein.
  6. Mach eine kurze Pause.
  7. Fahre mit Punkt 3 fort und lass die Energie im kleinen Universum kreisen – etwa 10-mal. Steigere die Anzahl in den nächsten Wochen bis auf 20.

Dann: Lass die Hände sinken und überlass dich dem Qi Flow (siehe Teil 3). Steh anschliessend im Wuji Stand, geniess die Stille und versuch, in der Standing Meditation an nichts zu denken, mindesten während zehn Atemzügen (oder länger, wenn du magst).
Beende diese Stehende Meditation, indem du kurz ans Dantian im Unterbauch denkst.
Zum Schluss dann wieder die Abschlussroutine (siehe Teil 1) und anschliessend einige kräftige Schritte herumgehen.
Mach diese Übung täglich, morgens, und, wenn du magst, abends.

Wenn du den oben beschriebenen Ablauf während etwa 2 – 3 Monaten geübt hast, kannst du dazu übergehen, das „Sanfte Kleine Universum“ direkt, ohne die vorbereitenden Übungen zu praktizieren. Du kannst dies jetzt auch in einem breiteren Stand tun, entweder mit den Händen immer noch auf dem Dantian, oder aber auch mit angehobenen Händen, wie wir sie im Standing halten. Die Anzahl der Atemzüge wird mit 36 angegeben, das entspricht in etwa einer Zeitdauer von 10 Minuten.

Es empfiehlt sich aber, die vorbereitenden Aufbauübungen immer wieder einmal auszuführen. Ebenfalls empfehlenswert ist es, gelegentlich das „Forceful Small Universe“ zu üben. Es für die schnelle Energiemobilisierung, wie wir sie im Taijiquan beim Fajing benötigen, wo sich der Unterbauch bei der Ausatmung ebenfalls weitet, hilfreich.

 

Der Prozess der Selbstverwirklichung - Jing und Qi nähren Shen

Im Kapitel 10 des Tao Te Ching spricht Lao Tzu von Atemübungen im Zusammenhang mit Meditation:

„Kannst du dich auf deinen Atem konzentrieren, um Harmonie zu erreichen,
und werden wie ein unschuldiger Säugling?
Kannst du den dunkeln Spiegel in dir säubern
Und ihn vollkommen rein erhalten?...“

Um die innere Harmonie zu erlangen, empfiehlt Lao Tzu Atemübungen zur Sammlung und Reinigung. Sie wurden in den frühesten taoistischen Lehren empfohlen und angewendet, die alten chinesische Philosophen haben erkannt, dass Atemtechniken den Prozess der Meditation unterstützen können.
Der früheste taoistische Text über meditatives Atmen ist ein Werk mit dem Titel „Cantong Qi“ von Wei Boyang (ca. 2. Jhdt.). Hier wird die grundlegende Theorie von Jing, Qi und Shen als fundamentale Bestandteile des meditativen Atemprozesses aufgeführt:
Durch Konzentration des Geistes (Shen) in der richtigen Haltung (Jing) wird Qi zum Fliessen gebracht; durch das Fliessen des Qi in der richtigen Geisteshaltung (Shen) wird der Körper (Jing) gestärkt; durch das konzentrierte (Shen) Trainieren des Körpers (Jing) wird Qi vermehrt; Qi nährt durch Training (Jing) wieder Shen. In diesem Kreislauf wird der Körper (Jing) stärker, die Energie (Qi) vermehrt und der Geist (Shen) geläutert – schlussendlich soll Shen dadurch ins Wuji, den Urzustand zurückkehren – das Fernziel der meditativen Arbeit.

Wir haben in den vergangenen Monaten erlebt, dass das einfache Einziehen und Ausstossen von Luft die Bedingungen der meditativen Atmung nicht erfüllt. Wir haben gelernt, mit Hilfe unserer Konzentration und Vorstellungskraft Qi in eine Kreisbahn zu schicken, in einen aufsteigenden Strom (Yang) entlang der Wirbelsäule über den Scheitel bis zur Oberlippe und in einen absteigenden Strom (Yin) von der Unterlippe über Qihai bis zum Damm. Wenn du dieser Anleitung gefolgt bist, so hast du rund ein Jahr lang geübt und darfst davon ausgehen, dass sich der Energiekreislauf bei dir ausgebildet hat, auch wenn du vielleicht noch nichts davon empfindest. Zu Beginn ist dieser Kreislauf rein imaginativ, nach einer gewissen Zeit und in einem gewissen Stadium der Übung kann der Kreislauf des „Atems“ jedoch als ein Strom verspürt werden.

Ein vollständiger Durchbruch des kleinen Universums wird vom erfolgreich Praktizierenden wie ein ununterbrochener Ring oder ein in sich geschlossener, gefüllter Wasserschlauch beschrieben. Die Verbindung von Ren- und Du- Meridian bleiben die ganze Zeit bestehen, auch wenn man gerade nicht praktiziert und seinem Alltag nachgeht. Durch die Vereinigung des Yin und des Yang steigt und fällt der Strom unaufhörlich – durch den permanenten Kreislauf der Energie wird die Vitalität und die Leistungsfähigkeit verbessert. Das kleine Universum fördert die Gesundheit und die Abwehrkräfte – in früheren Zeiten war dieser Aspekt für die Mönche, welche oft in sehr bescheidenen Lebensumständen lebten, sehr wichtig.

Das Ziel des meditativen Atmens ist es, die Suche nach der Erkenntnis des Selbst zu unterstützen
Auch wenn wir den Weg zum Wuji, dem Unbedingten, der Leere nicht werden bis zum Ende gehen, so werden wir durch das Hilfsmittel der Atemübungen doch unsere körperliche und geistige Gesundheit, unsere spirituelle Entwicklung und unsere Persönlichkeit in positiver Weise beeinflussen können.

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Quellen und Fussnoten:

Quellen: Wong Kiew Kit: The Art of Chi Kung, Cosmos 2014; Chi Kung for Health and Vitality, Cosmos 2014; www.shaolin.org
Leo Lackinger: Onlineseminar; www.shaolin-wahnam-wien.at, div. Literatur und eigene Erfahrungen

Die Kurzform „Taiji“ wird oft für unsere Kampfkunst verwendet. Korrekt wäre „Taijiquan“ („Das grosse Ultimative Boxen“). Das Übungssystem beruht auf dem Einswerden mit der Harmonie des Taiji

Eine Ausnahme stellt die Laojia Yilu, so wie wir sie derzeit üben, dar. Wir stehen am Schluss 180° umgekehrt zur Startposition. Der Grund dafür ist, dass die Laojia Yilu der erste Teil der gesamten Laojia ist. Ausgehend von diesem 180° umgekehrten Endpunkt würde nun der etwas kürzere zweite Teil, die Laojia Erlu (Pao Chui, „Cannon Fist“) folgen, welche dann am Ausgangspunkt endet. Die Laojia Erlu enthält sehr dynamische Teile und wird deshalb auch Yang-Teil der Laojia genannt. Er wird heute von Schülern geübt, welche den ersten Teil, den Yin-Teil, gut beherrschen. Bei Vorführungen der Laojia Yilu kann die Bewegung 72 (mit beiden Händen gegen den Fuss schlagen) mit einer 180° Drehung ausgeführt werden, so wie von Grossmeister Chen Xiaowang im Video gezeigt, um die Form nicht mit dem Rücken zum Publikum zu beenden.

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