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Qi Gong Atemübungen - Teil 2

18. August 2023

Qi Gong Atemübungen

Eine praktische Anleitung - Teil 2

von Peter Minder1

Intention leitet das Qi

Was haben wir bis jetzt getan? Wir haben, in einem ersten Schritt, mechanisch die Luft durch Druck auf den Unterbauch hinausgepresst und durch nachlassen des Druckes wieder hineinströmen lassen. Wir haben dabei das Ausdehnen und das Zurücksinken des Unterbauches wahrgenommen.
In einem zweiten Schritt haben wir realisiert, dass wir beim Einströmen der Luft frische, kosmische Energie aufnehmen und beim Hinauspressen schlechte, verbrauchte Energie loswerden können.
Im dritten Schritt haben wir festgestellt, dass diese Vorgänge an die Atmung gekoppelt sind; beim Einatmen fliesst die frische Energie durch die Nase auf der inneren Vorderseite des Oberkörpers in den Unterbauch, beim Ausatmen die negative Energie auf demselben Weg durch den Mund hinaus.

Das einfache Einziehen und Ausstossen von Luft erfüllt jedoch noch nicht die Bedingungen meditativer Atmung. Um die Atmung wirksamer zu machen, muss sie mit der Vorstellung von Qi – von fliessender Energie – verbunden werden. Mit zunehmender Übung und dadurch verbesserter Konzentrations- und Visualisierungsfähigkeit gelingt es immer besser, mit den Bewegungen des Atems die Vorstellung von Qi auf eine bestimmte Bahn zu lenken. Mit den „Drei Schätzen“ (San Bao) ausgedrückt: Der Wille, die Absicht, die Intention – Shen - leitet das Qi und erzeugt damit auf der materiellen Ebene – Jing – grosse Effekte. So, wie wir es aus dem Taijiquan kennen: Das Qi kann bewusst in einen Körperteil und in eine Bewegung gelenkt werden und entfaltet dadurch auf körperlicher Ebene eine grosse Effizienz.

Auf der nächsten Stufe der Atemübungen werden wir einen ersten Schritt in diese Richtung unternehmen.

2. Stufe: Überschwemmende Atmung (Submerged Breathing2)

Steh im Wuji Stand, entspann Körper und Geist und schliess die Augen. Leg beide Hände auf Qihai über dem Dantian im Unterbauch. Praktiziere 10 Atemzüge lang die Bauchatmung (Abdominal Breathing).

Anschliessend, nach dem Ausatmen der schlechten, verbrauchten Energie durch den Mund lässt du wieder frische kosmische Energie durch die Nase in den Unterbauch einströmen – du spürst seine Ausdehnung unter deinen Händen. Mach eine kurze Pause.
Dann, unter leichtem Druck der Hände auf den Unterbauch, atmest du durch den Mund aus und visualisierst, wie die kosmische Energie, welche sich im Qihai befindet, sanft zum Huiyin, dem Vitalpunkt zwischen Genitalorgan und Anus hinunterfliesst. Du kannst dir vorstellen, die im Unterbauch angesammelte Energie werde durch den Druck der Hände zum Überfliessen gebracht und fliesse über die Vorderseite des Unterbauches hinunter zum Huiyin. Mach eine Pause von 1-2 Sekunden.
Einatmen durch die Nase – die Energie fliesst in den Unterbauch. Pause.

Ausatmen durch den Mund – die Energie fliesst zum Huiyin. Pause.

Wiederhol diesen Ablauf etwa zehn Mal.

Lass die Hände sinken, steh im Wuji Stand, geniess die Stille und versuch, in der Standing Meditation an nichts zu denken, mindesten während zehn Atemzügen (oder länger, wenn du magst).
Beende diese Stehende Meditation, indem du kurz ans Dantian im Unterbauch denkst.
Zum Schluss dann wieder die Abschlussroutine (s. Teil 1) und anschliessend einige kräftige Schritte herumgehen.
Mach diese Übung täglich, morgens, und, wenn du magst, abends, während 2-3 Monaten. Steigere die Anzahl der Atemzyklen in diesem Zeitraum langsam bis etwa auf 36.

Standing – Meditation im Stehen

Im Standing, der Meditation im Stehen – entweder im Wuji Stand mit den Armen seitlich des Körpers entspannt hängend, oder im Zhan Zhuang Stand mit angewinkelten Ellenbogen und schulterbreitem Stand – verlassen wir die Visualisierung und stehen einfach mit entspanntem Geist und geniessen die Stille.

Unser Geist verhält sich oft wie eine „Horde von hundert Affen“ (Monkey Mind), die kreischend von Baum zu Baum springen. Er ist unruhig und springt von einem Gedanken zum anderen.
Ziel der Meditation ist es, den unablässigen Fluss der Gedanken zu reduzieren, im Idealfall ganz zu stoppen.

Dazu werden zwei Wege vorgeschlagen:

  1. Den Ansturm der Gedanken reduzieren, indem ich mich auf eine Sache konzentriere, zum Beispiel das Zählen der Atemzüge (Hundert Gedanken ersetzen durch einen)
  2. Den Weg des Zen (chin. Chan), in welchem versucht wird, ganz ohne Gedanken zu sein.

Die erste Möglichkeit üben wir in der Phase der Atemübungen: mit der Beobachtung des Atems und der Visualisierung des Energieflusses schalten wir, wenn es uns gelingt, es intensiv genug zu machen, alle anderen Gedanken aus.

Während des Standing könne wir versuchen, den zweiten, anspruchsvolleren Weg zu gehen. Immer, wenn ein Gedanke auftaucht, werfen wir ihn wieder hinaus. Und wenn er wiederkehrt, wird er wieder hinausgeworfen, ohne ihm nachzuhängen. Man kann sich auch vorstellen, dass die Gedanken wie Wolken an einem Berg vorbeiziehen, der Berg lässt sie einfach ziehen. Oder man kann versuchen, sich die schwarze Leere vorzustellen. Oder eben auch einfach: „Geniesse die Stille“ – die Stille ins Zentrum der Aufmerksamkeit stellen.

Es wird im Anfang jeweils nur für einige wenige Sekunden gelingen, ganz ohne Gedanken zu sein. Geniesse diese Sekunden, es werden mit zunehmender Übung immer mehr werden. Du wirst auch feststellen, dass es von Tag zu Tag grosse Unterschiede gibt, an einem Tag gelingt es fast mühelos, die Gedanken zu verscheuchen, am nächsten springen einen die Gedanken wieder an wie „hundert Affen“. Da wir täglich üben, spielt das auch überhaupt keine Rolle. Ärgere dich nicht, wenn es nicht so gut gelingt, beobachte es, stelle fest ohne zu werten - und wie gesagt, geniesse die Stille, wenn es für kurze Zeit gelingt.
Standing, so geübt, bietet die ideale Vorbereitung für die Meditation im Sitzen.

***

Quellen und Fussnoten:

1Quellen: Wong Kiew Kit: The Art of Chi Kung, Cosmos 2014; Chi Kung for Health and Vitality, Cosmos 2014; www.shaolin.org
Leo Lackinger: Onlineseminar; www.shaolin-wahnam-wien.at, div. Literatur und eigene Erfahrungen

2Die Bezeichnung „Submerged Breathing“ (Überschwemmende Atmung) stammt vom Sigung Wong – die Übersetzung, welche am ehesten der Empfindung bei dieser Übung entspricht, wäre „überfliessende“ Atmung.

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