chen bing

Am Wochenende vom 03. und 04. März 2018 organisierten Barbara und Jaewoo Lee-Gehring, Chen Taiji Bern, einen Taijiquan Workshop mit Meister Chen Bing in Münchenbuchsee.

Das Thema dieses zweitägigen Trainings war die Form Laojia Yilu, also der alte Rahmen des Chen Stils.

Die etwa 30 Teilnehmenden durften sich auf ein äusserst lehrreiches und kurzweiliges Taijiquan Wochenende freuen. Chen Bing teilte sein Training so ein, dass pro Halbtag ein Viertel der Form kennengelernt und vertieft werden konnte. Jeweils am Ende des Tages wurden dann die Teile verknüpft, sodass wir am Sonntag zum Schluss die ganze Form am Stück gemeinsam laufen konnten.

Chen Bing ist ein sehr erfahrener und didaktisch geschickter Lehrer, der alle Teilnehmenden auf ihrem Niveau abholen und weiterbringen kann.
Er legt sehr grossen Wert auf die vorbereitenden und aufwärmenden Übungen vor dem eigentlichen Formentraining. Dabei werden auch die koordinativen Fähigkeiten durch Zehenstand und abwechselndes Stehen auf einem Bein geübt. Immer wieder macht er die Schüler darauf aufmerksam, sich zu entspannen, die Schulter zu senken, das Gewicht von Armen und Beinen nicht mit den Muskeln zu halten, sondern sinken zu lassen.
Dabei unterstreicht Meister Chen Bing jedoch, dass die innere Struktur durch die Entspannung nicht verloren gehen darf. Das heisst zum Beispiel, dass die Finger gestreckt bleiben, der Kopf aufrecht, der Schultergürtel offen und rund ist.
Beim Üben der einzelnen Bewegungen oder Techniken, fordert er die Schüler regelmässig auf, die Arme fallen zu lassen und den Körper durchzulockern und das Qi abzusenken.

Meister Chen Bing versteht es, den Schülern die Qi-Wechsel in den Bewegungen klar und verständlich zu zeigen, indem er mit langsamen Bewegungen der Arme und deutlichen Gewichtswechsel das Zurückfliessen des Qi (Yin) und das nach Aussen Fliessen des Qi (Yang) deutlich macht. Trotz den langsamen und grossen Bewegungen kann man sehr gut erkennen, wo schlussendlich eine Anwendung (also eine Abwehr oder ein Angriff) erfolgen kann.
Chen Bing ist es wichtig, den Kampfaspekt des Taijiquan der Familie Chen ebenfalls in das Training einzubringen. So sind seine Bewegungen oftmals kampforientiert und auf einen imaginären Gegner gerichtet. Das hilft oftmals für das bessere Verständnis einer Bewegungsabfolge.

Bei Meister Chen Bing kann gut beobachtet werden, wie die Arme und Beine den Spiralbewegungen des Rumpfes folgen. Das also zum Beispiel die Hand erst am Schluss einer Bewegung des Armes in die endgültige Haltung gedreht wird.

Am Sonntag brachte er uns eine weitere Trainingsmethode aus Chenjiagou etwas näher, das freie Taiji-Laufen. Dabei wird zum Beispiel die Laojia Yilu nicht stur geradlinig nach Lehrbuch abgespult, sondern die Bewegungen werden frei in verschiedene Richtungen, auch rückwärts kombiniert. Der Grundablauf wird zwar befolgt, jedoch in Geschwindigkeit, Ausführungsrichtung und Anzahl Wiederholungen stark variiert. Dies lässt viel Freiraum für neue Fajin Anwendungen.
Das Ganze gleicht nun eher einem Freikampf mit einem unsichtbaren Gegner als einem Formlauf. Natürlich ist es bei dieser Trainingsmethode mindestens ebenso wichtig, die Qi-Wechsel korrekt zu machen und den Körper als Ganzes zu bewegen.

Meister Chen Bing hat folgende Punkt beim Training besonders hervorgehoben:
Finde dein Dantian! (Wahrnehmung)
Folge deinem Dantian! (Bewegungsauslösung im Zentrum – der Körper folgt)

Dantian entspannen und sinken lassen
immer eine natürliche Atmung anstreben
aussen weich – innen hart (Gelenke offen, Muskeln entspannt, die Struktur aber nicht unterbrochen und der Körper nicht schlaff)

Zum Schluss gab er uns den einfachen Rat mit auf den Weg:
«geht nachhause und übt!»

Glücklich, mit müden Beinen und vielen Eindrücken traten wir dann also den Heimweg an mit der Hoffnung, Meister Chen Bing möglichst bald wieder in der Schweiz zu haben.

Ermensee, 18.03.2018
Christof Wetzel