Renata Mäusli hat Gespräche mit drei CWTACH-Mitglieder geführt, die ihr ihre - zum Teil sehr persönlichen - Erfahrungen und Erkenntnisse aus unterschiedlichen Workshops mitteilten. Wir freuen uns, dass wir diese Interviews hier publizieren dürfen und möchten Bertha Heller, Mieke Visscher und Michel Stadelmann ganz herzlich für ihre Bereitschaft und Offenheit danken.

Michel Stadelmann – Skype Sitzung vom 1.9.2017

RM: «Vor 11-12 Jahren hast Du mit dem Taijiquan begonnen als Du 27-jährig warst. Wieviele Taijiquan Sommercamps hast Du schon besucht und bei wem?»

Michel Stadelmann (i.d.R. MS): «Ich habe schon 10 Sommercamps bei Regula Stehli in Sessa (TI) besucht.»

RM: «Du warst in diesem Jahr wiederum im Taijiquan Sommercamp bei Regula.

Was hat Dich dazu bewogen, (wieder) bei einem Wochenkurs mit dabei zu sein?»

MS: «Es tut mir kurzum gut, gibt mir Energie und hilft mir beim Abschalten. Ich kenne den Ort Sessa und daher kann ich meine Intensivwoche einfach und schnell organisieren.»

RM: «Was hast Du in dieser Woche über Taijquan neu erfahren?»

MS: «Ich habe in diesem Sommercamp mehr Bewusstsein über meine Verbindung nach oben (über den obersten Punkt Bai Hui) erfahren, was bei mir zugleich auch die Verbindung nach unten verstärkte durch ein besseres Loslassen. Und beides zusammen hat eine aufrechtere Haltung zur Folge, das Dantian baut sich auf.»

RM: «Könntest Du uns über ein Schlüsselerlebnis oder ein Aha-Erlebnis in dieser Woche bezüglich Taijiquan erzählen?»

MS: «Bei intensiverem Training wird für mich ein Vorwärtskommen besser spürbar. Ein «Raus aus dem Alltagstrott» wird möglich.

Schlüsselerlebnisse gibt es unzählige, immer wieder. Ich kann dann auch mehr Energie und Aufmerksamkeit ins Training reinstecken. Und jedes Jahr begleitet mich ein anderes Thema, wie zum Beispiel «von der Erde tragen lassen». Bezüglich früheren Jahren müsste ich in meinen Tagebüchern nachlesen, doch dies hier würde wohl zu weit führen! »

RM : «Welchen Schwierigkeiten und/oder Herausforderungen bist Du in dieser Woche begegnet?»

MS: «Es ist der Umgang und die Auseinandersetzung mit mir selber, meinen Gedanken. Kurz den «inneren Schweinehund» zu überwinden.

Schmerzen und Lustlosigkeit können aufkommen. Ich muss mich dann aufraffen und mich motivieren, trotzdem wieder zu trainieren und auch zu stehen.

Es können noch tiefere Muster sichtbar werden, Emotionen wie beispielsweise Wut und Angst. Dies ist nicht einfach, dass ich mich dann davon nicht vereinnahmen lasse, und dass ich dann das alles durch mich fliessen lasse.»

RM: «Wie erlebst Du jetzt, nach dem Sommercamp, Deine Taijiquan Praxis?»

MS: «Ich gehe regelmässiger ins Training, zudem kann ich die Taiji-Haltung im Alltag besser aufrechterhalten. Ich kann meine Energie besser im Dantian zentrieren und versuche weiterhin mich so gut wie möglich in alle 8 Richtungen auszurichten.»

RM: «Möchtest Du den Mitgliedern und anderen Taijiquan Interessierten sonst noch etwas erzählen?»

MS: «Ich habe eine Kalligraphie von Grossmeister Chen Xiaowang, welche übersetzt heisst «FREE MIND – FREE BODY», im Denken fängt alles an: Gross Denken und nicht klein!»

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RM: «Ich danke Dir vielmals für’s Zeit nehmen und für das Teilen Deiner Taijiquan Erlebnisse und wünsche Dir natürlich weiterhin viel Spass und Leichtigkeit auf Deinem Weg !»

Interview mit Mieke Visscher – Telefongespräch vom 28.9.17

RM: «Du praktizierst Taijiquan seit etwa 30 Jahren, mit Unterbrüchen. Wie viele Taijiquan Sommercamps hast Du schon besucht und bei wem?»

MV: «Bei Regula Stehli in Sessa war ich 7 x und diesen Sommer war ich das erste Mal in Deutschland bei Chen Xiaoxing und seinem Sohn Chen Ziqiang».

RM: «Was hat Dich dazu bewogen, (wieder) bei einem Wochenkurs mit dabei zu sein?»

MV: «Es war die Gelegenheit, mit Chen Xiaoxing (CXX) einen chinesischen Grossmeister ausserhalb Chinas, in Deutschland, kennenzulernen. Mit dabei war auch sein Sohn, der jetzt in China die Schulleitung übernommen hat. Es steckte für mich auch ein gewisser «Gwunder» dahinter: Ich wollte schauen, wie ein anderer Grossmeister unterrichtet und Taijiquan praktiziert; vor diesen Workshop mit CXX habe ich ja nur GM Chen Xiaowangs Taiji erlebt. Ausserdem stand in der Ausschreibung dieses Sommercamps geschrieben, dass Chen Xiaoxing das erste und zugleich auch das letzte Mal nach Europa kommt, was für mich mit ein Grund war, mich anzumelden. Es war für mich eine Möglichkeit, CXX auf diese Weise, für das Erhalten und das Weitergeben der Chen Taijiquan Tradition, danke zu sagen.»

RM: «Was hast Du in dieser Woche über Taijiquan neu erfahren?»

MV: ...lacht. «Neu?!…an und für sich, ist nichts neu an der äusseren Form. Ich habe gesehen, dass nicht alle Details und Feinheiten der Formen von allen Grossmeistern genau gleich vermittelt werden. Es hat Feinheiten, welche scheinbar anders gewertet und gezeigt werden. Die Bewegungen werden zum Teil bei GM CXW grösser und nach aussen hin sichtbarer gemacht, bei GM CXX wirken sie kleiner und scheinen eher im Inneren stattzufinden. Beim Reeling Silk wirken die Bewegungen bei CXX kreisförmiger. Unterschiede habe ich auch beim «Standing» festgestellt: Bei CXW stehen wir eher in einer hohen Position, was die Kniebeugung betrifft, während ich bei CXX die Position beim Standing als sehr tief wahrgenommen habe. Ich spürte diese Korrektur in tiefer Position stark in den Beinen und es forderte meinen ganzen Durchhaltewillen und führte zu einigen Schweissausbrüchen. Eine deutliche Zunahme der Kraft war Ende der Woche spürbar. Dies also ein paar Unterschiede, wie ich sie im Training mit den beiden Grossmeistern erlebt habe. Gerne hätte ich mich mit Gm CXX noch mehr ausgetauscht, um zu erfahren, welche Ziele mit den unterschiedlichen Korrekturen erreicht würden. Dies war leider aufgrund meiner mangelnden chinesischen Sprachkenntnisse nicht möglich.

RM: «Könntest Du uns über ein Schlüsselerlebnis oder ein Aha-Erlebnis in dieser Woche bezüglich Taijiquan erzählen?»

MV: «Ja, solche hatte ich immer wieder. Ich denke, da ging es vor allem um das Entdecken – und immer wieder Entdecken - von Mustern im eigenen Körper.»

RM: «Könntest Du eventuell ein Beispiel nennen?»

MV: «Ja, GM CXX hat immer wieder Korrekturen gemacht, was ich sehr schätzte.

Man konnte sich immer wieder korrigieren lassen, indem man eine bestimmte Position einnahm, und er kam dann zur jeder einzelnen Personen, um sie zu korrigieren. Während der ganzen Woche habe ich immer von Neuem dieselbe Position der Peitschenhände eingenommen. Da habe ich gemerkt, dass ich auf meine Fehlposition in den Hüften aufmerksam gemacht wurde. Mit jeder Korrektur wurde ich an einen anderen Ort hingeführt, was für mich viel Sinn machte. Am Ende der Woche konnte ich meine Position auch selber korrigieren. Das ist ein Beispiel, welches ich als sehr eindrücklich erlebt habe.

RM: «Welchen Schwierigkeiten und/oder Herausforderungen bist Du in dieser Woche begegnet?»

MV: «Im Standing so tief zu stehen. Das war verbunden mit Zittern und vielen Schweissausbrüchen.

Ende der Woche spürte ich, dass meine Beine stärker waren, und das Zittern hat aufgehört. Ich habe einen Weg gefunden das Zittern «aufzulösen». Das hat mir extrem viel gebracht, so kann ich nun auch tiefere Positionen einnehmen. Das war sehr spannend.»

RM: «Wie erlebst Du jetzt, nach dem Sommercamp, Deine Taijiquan Praxis?»

MV: «Meinst Du, ob es eine nachhaltige Veränderung gibt?»

RM: «Ja, zum Beispiel.»

MV: «Dies ist schwierig zu beantworten. Ob dieses Camp nun nachhaltige Veränderungen gebracht hat, weiss ich nicht. Ich spüre, dass ich immer noch tief stehen kann und meine Hüftposition sich verbessert hat. Doch wenn GM CXX mich heute im Standing wieder tiefstellen würde, würde ich vermutlich wieder zittern wie zu Beginn. Ich denke, dass ich diese Korrekturen jede Woche haben sollte, da ich mich selber beim Standing nicht so extrem fordere»

RM: «Möchtest Du den Mitgliedern und anderen Taijiquan Interessierten sonst noch etwas erzählen?»

MV: «Ja, ich fand das Sommercamp in Deutschland sehr harmonisch, sehr gut organisiert, und der Ort war sehr schön, abseits vom Verkehr im Grünen, sehr erholsam. Ich habe schon lange nicht mehr so tief geschlafen wie an diesem Ort und dazu noch eindrückliche Träume gehabt.

Der Austausch mit den deutschen Teilnehmenden fand ich auch sehr bereichernd. Wie machen sie es? Wie macht Jan Taijiquan? Das hat mir alles sehr entsprochen.

Eine ganze Woche mit einem Grossmeister zu trainieren fand ich genial. Das wünschte ich mir auch für die Schweiz, das heisst, falls GM CXW wieder in die Schweiz kommt, wäre es schön, wenn er nicht von Ort zu Ort reist, sondern zum Beispiel während einer Woche in Magglingen oder an einem anderen festen Ort bleibt. Ich kann in einer solchen Struktur viel tiefer ins Taijiquan eintauchen.

In Deutschland hatten wir ein grosses und breites Angebot und konnten während des ganzen Tag trainieren. Abends habe ich mir dann jeweils eine Auszeit genommen, während viele andere Waffenformen trainiert haben (bis ca. 21h30). Das fand ich auch gut, dass man das Angebot auch seinen eigenen Bedürfnissen anpassen konnte.

Während dieser Woche kam ich auch in Kontakt mit vielen anderen Taijibegeisterten aus verschiedenen Ländern, wie Amerika und Polen. Das hat mir sehr gefallen. Da gab es auch ein schönes Gemisch von «Anfängern» und «Fortgeschrittenen».

Was ich sonst noch sagen möchte an die Leserinnen und Leser dieses Interviews: Es macht mich «gluschtig», einmal nach China zu gehen, um auf chinesischem Boden unter chinesischer Leitung zu trainieren. Da gibt es ja einige Unterschiede im Unterrichtsstil zwischen schweizerischen und chinesischen Meisterschülern.

Nebst GM CXX und seinem Sohn waren noch drei weitere chinesische Taiji-Lehrer mit dabei, darunter auch sein Enkel. Zum Schluss der Woche haben diese dann noch eine Demonstration gezeigt, um uns zu zeigen, wie das Taijiquan aussehen könnte, wenn man viel trainiert. Das war toll und hat mir sehr gefallen!

Die ganze Woche erschien mir viel chinesischer als wenn wir mit GM CXW trainieren, der ja mit dem Westen viel vertrauter ist. Da GM CXX kein Wort Englisch spricht, findet der Kontakt dann auf einer anderen Ebene statt.»

RM: «Hättest Du eventl 1-2 Fotos zum Beilegen?»

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RM: «Ich danke Dir vielmals für’s Zeit nehmen und für das Teilen Deiner Taijiquan Erlebnisse und wünsche Dir natürlich weiterhin viel Spass und Leichtigkeit auf Deinem Weg!»

Bertha Heller – Telefongespräch vom 1.9.2017

RM: «Du praktizierst Taijiquan seit 4 Jahren und mit Qi Gong hast Du vor 13 Jahren begonnen. Wie viele Taijiquan Sommercamps hast Du schon besucht und bei wem?»

Bertha Heller (i.d.F. BH): «Ich habe in dieser Zeit 6 Sommercamps besucht bei Cate Wallis, Biel und Sasa Krauter, Karlsruhe. Ich mache im Moment gerne 2 Sommercamps pro Jahr.»

RM: «Du warst in diesem Jahr im Taijiquan Sommercamp bei Sasa Krauter im Elsass und bei Martin Schmied auf Korsika, wo Taijiquan, Qi Gong und Yoga praktiziert werden. Was hat Dich dazu bewogen, (wieder) bei Wochenkursen mit dabei zu sein?»

BH: «Alle Jahre freue ich mich über ein paar Tage Intensiv Training. Ich erlebe damit eine andere Tiefe in meiner Taijiquan Praxis, und zudem ermöglicht es mir nicht nur Körperarbeit zu machen, sondern zugleich auch Ferien.

Intensives Taijiquan hilft meiner Struktur (Körper). Durch die täglichen Korrekturen einer Fachperson spüre ich einen nachhaltigeren Effekt, was ich in wöchentlichen Kursen nicht erreiche.»

RM: «Was hast Du in dieser Woche über Taijiquan neu erfahren?»

BH: «Die Basisarbeit war in diesem Jahr sehr zentral im Taijiquan. Wir haben nicht «nur» Formen abgerollt, sondern wir haben uns «nur» der Kurzform gewidmet». Dadurch wurde mein Verständnis und Wahrnehmen in Bezug auf diese Form klarer, und erlebte eine besondere Tiefe. Dies hat mir sehr imponiert!»

RM: «Könntest Du uns über ein Schlüsselerlebnis oder ein Aha-Erlebnis in dieser Woche bezüglich Taijiquan erzählen?»

BH: «Meine Antwort zu dieser Frage entspricht meiner Antwort zu Frage 3.»

RM : «Welchen Schwierigkeiten und/oder Herausforderungen bist Du in dieser Woche begegnet?»

BH: «Für mich ist Taijiquan allgemein immer wieder eine Herausforderung. Dies beziehe ich besonders auf meinen Körper und meine Möglichkeiten, diesen in der Bewegung zu lösen und zu öffnen. Zum Beispiel, wahrzunehmen, was mit dem Qi passiert, wenn ich einen Schritt mache. Was fühlt sich stimmig an? All das, ist jedoch kaum sichtbar von aussen.

Und gerade jetzt in diesem Gespräch merke ich, dass es sogar eine Herausforderung ist, über meine Herausforderungen zu sprechen [wir beide sind uns einig].

Während der Praxis begleiten mich Fragen, wie: Was mache ich genau im Taijiquan? Ich höre in mich hinein. Was macht es mit meinem Körper und überhaupt, mit meinem ganzen Sein! Intensives Training ermöglicht mir einen dichteren Erfahrungsschatz.

Kurz: Taijiquan ist nicht nur geil nach aussen, sondern es sind vor allem die innere Bewegung und mein Bewusstsein, welche mehr und mehr Priorität haben.»

RM: «Wie erlebst Du jetzt, nach dem Sommercamp, Deine Taijiquan Praxis?»

BH: «Die Intensität der Woche wirkt immer noch nach. Ich versuche dran zu bleiben, das heisst regelmässig zu üben und dort weiter zu forschen, wo ich in mir Potential spüre. Zum Beispiel habe ich in dieser Woche besonders intensiv versucht in den Hüften zu lösen und versuche dann mit jedem Schritt, diese Öffnung wiederherzustellen, so dass es sich in mir wieder anfühlt, wie nach der Korrektur.»

RM: «Möchtest Du den Mitgliedern und anderen Taijiquan Interessierten sonst noch etwas erzählen?»

BH: «Was ich auch als sehr wertvoll erachte ist der Austausch mit den anderen Kursteilnehmenden, besonders in den «Push Hands»-Übungen. Leuten mit den verschiedensten Vorkenntnissen (bis keine) wurden wieder die Basis der «Push Hands» vermittelt, alle konnten sich darin wiederfinden und auf ihrem Weg weiterkommen.»

RM: «Ich danke Dir vielmals für’s Zeit nehmen und für das Teilen Deiner Taijiquan Erlebnisse und wünsche Dir natürlich weiterhin viel Spass und Leichtigkeit auf Deinem Weg!»